Wie wollen wir arbeiten? Berufliches Lernen zwischen Tradition und Transformation

09.07.2020 - - 10.07.2020

7. Österreichische Berufsbildungsforschungskonferenz (BBFK)

Unser Hier und Jetzt zeichnet sich in besonderer Weise durch Ungewissheitsgewissheit (Machart, 2013, S. 26) aus. Dass das Gestern, Heute und Morgen seit der Neuzeit immer von Wandel geprägt war, ist nichts Neues. Aber die Geschwindigkeit, mit der sich technologische und soziale Transformationen vollziehen, hat sich doch erheblich erhöht. Die Sorge, dass ‚uns‘ die Arbeit ausgehen würde, scheint bis auf weiteres keine belastbare Prognose zu sein. Aber könnte es in absehbarer Zeit so sein, dass wir einen Kollegen, eine Kollegin Roboter oder KI-Plattform an unserem Arbeitsplatz vorfinden?

Die Generation der Eltern, Lehrkräfte und Ausbilder/innen ist aufgrund dieser rasanten Entwicklung gleichsam in einer anderen (analogen) Welt ‚groß‘ geworden. Damit lösen sich bisher chronologisch gegeneinander versetzte Muster der Welterfahrung und -wahrnehmung zunehmend auf. Die technologischen und sozialen Innovationen sind für ältere und jüngere Generationen in gleicher Weise neu. Die bisherigen Formen der Transformation des beruflichen Wissens und Könnens von einer auf die nächste Generation werden durch die rasante informationstechnische Entwicklung vor besondere Herausforderungen gestellt. Wird somit das traditionelle Bild der Erziehungsaufgabe im Sinne einer kulturellen Rekapitulation, die Jüngere unter Anleitung der Älteren vollziehen, zum Teil aus den Angeln gehoben? Was geschieht mit generationenübergreifenden kulturellen Mustern? Löst sich das „Nadelöhr des intergenerationalen Transfers“ (Matthes 1985, S. 364) überhaupt auf und gleiten wir in eine kulturelle Beliebigkeit ab, die eher technologisch getrieben wird und weniger durch Traditionen, soziale Aushandlungsprozesse und demokratisch gefassten Interessenausgleich?

Beruflicher Bildung kommt an dieser Stelle eine zweifache Rolle zu. Diese besteht einerseits darin, bei diesen Herausforderungen und Ungewissheiten soziale und gesellschaftliche Mitverantwortung für eine humane Zukunft zu übernehmen und Halt zu bieten. Andererseits müssen aber auch die erforderlichen Kenntnisse und Fertigkeiten gefördert werden, um in der aktuellen wie auch künftigen Arbeitswelt den fachlich-beruflichen Anforderungen gewachsen zu sein. Ist das nicht eine zu große Aufgabe für die Akteure und Prozesse der beruflichen Bildung?

Begriffe wie agile Organisationsformen, Ich-Unternehmer*innen, Gig-Economy, Crowdworking stehen für Phänomene oder Leitbilder in einem postindustriellen Kapitalismus, der Lebens- und Arbeitsrealitäten aufbricht oder gar neue schafft. Die aufklärerischen Bilder der Ich-Bestimmung, der humanen, planvollen Selbst-Regierung scheinen in ihr Gegenteil verkehrt zu werden. Die Arbeitswelt tritt zum wiederholten Male in eine tiefgreifende Transformation ein. Ob das Selbstbild emanzipierter, selbst-bewusst wirtschaftender Konsument/inn/en in Zeiten der Digitalisierung unkritisch aufrecht erhalten werden kann, in denen das soziale und politische Verhalten von Unternehmen, Personen oder auch Nichtregierungsorganisationen zur Ermittlung ihrer Reputation und mit ‚Social Credits’ versehen werden kann und wird, muss bezweifelt werden. Ein neues Zeitalter des Überwachungskapitalismus (Zuboff 2018) erscheint am Horizont. Die (vermeintliche) individuelle Unabhängigkeit und Freiheit verbinden sich im Arbeitszusammenhang schleichend mit der Erwartung von Dauerverfügbarkeit und Entgrenzung von Arbeit und Freizeit. Ist das Verhältnis von Öffentlichem und Privatem nicht nur, aber besonders hinsichtlich Datenbereitstellung und -nutzung, neu zu bewerten?

Und neben diesen Mainstream-Effekten, die uns alle in unterschiedlicher Intensität und Massivität betreffen, entstehen auch zunehmend marginalisierte Gruppen, und es manifestieren sich zusätzliche strukturelle Ausschlüsse, die den Zugang zu Erwerbsarbeit oder das Bestreiten des Lebensunterhalts nicht mehr garantieren (Präkarisierung, working poor), soziale Teilhabe schmälern und Orientierungs- und Perspektivlosigkeit nach sich ziehen. Eine der Erfolgskomponenten der beruflichen Bildung war und ist, dass ihr bisher verhältnismäßig gut gelungen ist, für ein breites Spektrum an Menschen Teilhabechancen zu eröffnen, zu erhalten oder neuerlich zu erschließen, gesellschaftliche Integration und Kohäsion zu befördern. Die Erstausbildung, Weiterbildung, Höherqualifizierung oder Umschulung waren für unterschiedlichste Gruppen Angebote, mit sozialen und technologischen Entwicklungen Schritt zu halten und zugleich die soziale Integration zu erhalten oder gar zu verbessern und sozialen Aufstieg zu ermöglichen. Gelingt dies weiterhin in Zeiten der digitalen Transformation?

Demografische Daten über Lebenserwartung und Befunde aus dem Gesundheitswesen machen skeptisch, ob der nun viele Jahrzehnte anhaltende Tenor der stets ansteigenden Lebenserwartung und Verbesserung der gesundheitlichen Bedingungen seinen Zenit nicht erreicht, oder gar überschritten hat. Zeigen die unüberhörbaren Rufe nach ‚climate justice‘, dass aktuelle Praxen und Trends nicht uneingeschränkt in die Zukunft prognostiziert werden können?

Ob gegenwärtige Konzepte, Zugänge und Modelle des beruflichen Lernens oder gar der älteren und jüngeren Vergangenheit für diese vielfältigen Herausforderungen weiterhin tragen, soll im Rahmen der Konferenz be- und verhandelt werden. Liefern vielleicht schon früher gemachte Erfahrungen etwa mit den Debatten um Humanisierung der Arbeit aus den 1970er Jahren wichtige Hinweise auf Dos und Don‘ts einer expertisegestützten Debatte um die Arbeitswelt, wie wir sie als erstrebenswert erachten?

Zu dieser Vielzahl an Fragen lädt die BBFK Fachleute aus der Berufsbildungsforschung ebenso wie der Berufsforschung, der berufs- und wirtschaftspädagogischen Forschung, Qualifikationsforschung, der Arbeitsmarktforschung und der Erwachsenen- und Weiterbildungsforschung sowie aus allen angrenzenden Disziplinen mit Interesse an diesen Themen ein und bietet Raum und Gelegenheit für Diskussion und Austausch in Klagenfurt.  ‚Wie wir arbeiten wollen?‘ soll dabei nicht utopische Perspektiven (alleine) umfassen, sondern auch betonen, dass es sich um Gestaltungsaufgaben für eine menschenwürdige und menschenachtende Arbeitswelt von morgen handelt. Insbesondere soll es darum gehen, den Platz und die Rolle des beruflichen Lernens zwischen Tradition(en) und Transformation zu bestimmen.

Alle Infos und Anmeldung unter: www.bbfk.at

 

Literatur
Marchart, Oliver (2013): Das unmögliche Objekt. Eine postfundamentalistische Theorie der Gesellschaft. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
Matthes, Joachim (1985): Karl Mannheims „Das Problem der Generationen“, neu gelesen: Generationen-„Gruppen“ oder „gesellschaftliche Regelung von Zeitlichkeit“? In: Zeitschrift für Soziologie 14(5), S. 363-372.
Zuboff, Shoshana (2018). Das Zeitalter des Überwachungskapitalimus. Frankfurt/New York: Campus.